Leben und Arbeiten in Idlib, Syrien

Wie ist das Leben für eine berufstätige Mutter in einem von Konflikten zerrissenen Land?

Seit Dezember 2019 mussten fast 1 Million unschuldige Menschen vor der Gewalt in Idlib, Syrien, fliehen.

Die betroffenen Familien werden in ein immer kleiner werdendes Gebiet gedrängt, die Grenze zur Türkei wird geschlossen und die Regierungstruppen drängen auf die Rückeroberung von Territorium.

ShelterBox ist in Idlib im Einsatz, um Tausenden von Familien zu helfen, die dringend Notunterkünfte und weitere Hilfsgüter benötigen.

Vor Ort arbeiten wir mit unserer Partnerorganisation ReliefAid zusammen, für die auch Bana tätig ist. Sie ist 27 Jahre alt und bereits seit fünf Jahren als humanitäre Helferin in Idlib tätig. Bana ist die einzige Frau im Team von ReliefAid. Sie erzählt uns, was sie im Einsatz motiviert und wie sie mit dem jahrelangen gewaltsamen Konflikt in ihrer Heimat umgeht.

Ich hoffe sehr, dass der Krieg bald beendet wird und die Menschen in ihre warmen Häuser zurückkehren können. Ich wünsche mir Stabilität und Sicherheit für meine Familie und dass meine Kinder in einer ruhigen Welt ohne Angst aufwachsen können.

Bana

Familienleben


Bana spricht mit Kindern in einem Flüchtlingscamp in Syrien.

Kannst uns ein wenig über deine Familie erzählen?

Ich habe vor drei Jahren geheiratet. Ich habe eine Tochter namens Sima und bin jetzt mit einem weiteren Kind schwanger. Mein Mann arbeitet im Zivilschutz, und wir beide helfen den Menschen hier in Syrien und tun alles, was wir können, damit sie sich sicher fühlen. Ich liebe meine Familie sehr und versuche immer, den Krieg zu vergessen, wenn ich mit meinem Kind und meinem Mann zusammen bin.

Beeinflusst das Muttersein deine Gefühle gegenüber den Familien, denen du hilfst?

Ja, sehr. Es macht mich traurig, wenn ich die Kinder in den Lagern sehe. Sie leiden grade im Winter sehr unter der Kälte und können ihre Kleidung nicht sauber halten, weil alle Wege in den Camps schlammig sind. Auch im Sommer sind die Familien und vor allem die Kinder durch Skorpione und Schlangen gefährdet. Das alles nimmt mich sehr mit, besonders, wenn ich Kinder im gleichen Alter wie meine Tochter unter diesen Zuständen aufwachsen sehe.

Kannst du uns dein Zuhause beschreiben?

Mein jetziges Zuhause ist klein und schön. Manchmal fühle ich mich dort sehr sicher, aber manchmal haben wir alle Angst, weil die Gefahr so nah dran ist.

Musstest du dein Zuhause schon einmal verlassen?

Ja, ich musste mein Zuhause bereits zwei Mal wegen der schweren Bombardierung unseres Dorfes verlassen und wir mussten für mehr als zwei Wochen in das Nachbardorf umziehen.

Wir hatten dort keine Unterkunft und verbrachten diese schwierigen Tage in der Hoffnung, in unsere Heimat zurückkehren zu können. Am Ende konnten wir zwar zurück, aber unser Haus wurde durch die Bombenangriffe teilweise zerstört.

Was wolltest du werden, als du jünger warst?

Ich habe immer davon geträumt, in andere Länder zu reisen und die Kulturen anderer Menschen kennen zu lernen. Ich liebe es viel zu reisen.

Der Krieg hat uns unter sehr schlechten Bedingungen leben lassen. Vor dem Krieg strebten wir nach einem großen Haus und ständiger Arbeit, jetzt ist unser Leben weit entfernt von den Träumen, die wir hatten.

Welche Hoffnungen und Träume hast du jetzt?

Ich hoffe, dass der Krieg zu Ende geht und die Menschen in ihre warmen Häuser zurückkehren können. Und ich wünsche mir Stabilität und Sicherheit für meine Familie und dass ich meine Kinder in einer ruhigen Welt, fern von Angst, aufwachsen sehen kann.

Eine rote Jacke für Fatima

Sie möchten mehr über das Leben in Syrien erfahren?

Lesen Sie die Geschichte von Fatima, die endlich wieder draußen spielen darf, nur dank einer neuen roten Jacke.

Ich spüre Zuneigung und großen Respekt zu den Menschen denen wir helfen, denn wir teilen dasselbe Land und denselben Schmerz. Obwohl ich sie nicht kenne, liebe ich sie sehr.

Bana

 

Gibt es etwas, dass dir Momente der Freude, des Lachens und der Hoffnung bringt?

Das Einzige, was mir in diesen Zeiten Hoffnung und Freude bringt, ist mein Kind. Wenn die Türen und Fenster durch die Geräusche der Raketen und Flugzeuge früher gewackelt haben, hat sich meine Tochter immer sehr gefürchtet. Aber seit ich ihr gesagt habe, dass dieses Geräusch die Stimme des Windes ist, geht es ihr besser. Wenn sie jetzt das Geräusch von Flugzeugen hört, kommt sie zu mir und sagt: “Mama, hab keine Angst, das ist nur der Wind und kein Flugzeug”.

Arbeitsleben


Für viele Frauen in den Camps ist Bana die Hauptansprechpartnerin bei Fragen und Problemen

Warum hast du dich für die humanitäre Arbeit entschieden?

Weil ich gerne helfe. Ich kann den Krieg und das, was mit den Familien hier geschieht, nicht betrachten ohne zu versuchen ihnen zu helfen und menschlich zu handeln.

Hast du das Gefühl, dass die Menschen in Syrien anders über weibliche Teammitglieder denken als über männliche?

Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Mann und einer Frau in der humanitären Arbeit. Allerdings fühlen sich viele Frauen wohler, wenn sie mit einer Frau sprechen können, als wenn sie mit einem Mann sprechen.

Wo arbeitest du genau?

Ich arbeite mit unserem Team in den Camps im Norden Syriens. Manchmal liegen diese weit entfernt und der Weg ist lang und ermüdend, aber es macht mich glücklich, wenn ich den Menschen helfen kann. Wenn ich  Kinder in den Camps sehe, spiele ich mit ihnen, wir gehen zusammen spazieren und ich höre sie gerne lachen.

Die Mitarbeiter*innen unserer Partnerorganisation ReliefAid arbeiten in Syrien unter schwersten Bedingungen.

Wie sieht für dich ein typischer Arbeitstag aus?

Die Arbeit in den Camps ist jeden Tag anders. Ich führe Bedarfsanalysen durch, verteile Hilfsgüter oder arbeite mit den Familien zusammen, um zu überwachen, wie die Hilfsgüter eingesetzt werden und wie wirksam sie sind. Ich spreche auch viel mit den Frauen in den Camps und schreibe ihre Geschichten auf, damit wir diese später mit unseren Unterstützern teilen können.

Ich verbringe viel Zeit damit, mich mit den Frauen in den Camps zu unterhalten, vor allem, wenn sie auf sich allein gestellt sind. Es ist meine Aufgabe, den Menschen zu helfen und zu verstehen, welche der von uns bereitgestellten Hilfsgüter sie am besten gebrauchen können. Ich bin auch ihre Hauptansprechpartnerin für alle Fragen und Anliegen. Ich spreche mit den Frauen und frage sie nach ihren persönlichen Bedürfnissen und Problemen. So versuchen wir, ihnen so gut wie möglich bei allen Aspekten ihres Lebens zu helfen.

Bana überwacht eine Lieferung von Hilfsgütern

Auf welchen Aspekt deiner Arbeit bist du besonders stolz?

Was mich stolz macht ist, dass ich meinem Volk helfen kann. Ich habe das Gefühl, dass mein Tag gut war und ich etwas Sinnvolles geleistet habe, nachdem ich einen Tag lang Hilfsgüter verteilt habe, welche die Menschen wirklich brauchen.
Ich spüre Zuneigung und großen Respekt zu den Menschen, denen wir helfen, denn wir teilen dasselbe Land und denselben Schmerz. Obwohl ich sie nicht kenne, liebe ich sie sehr.

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Familien in Syrien brauchen jetzt Ihre Hilfe

Unterstützen Sie Menschen wie Bana bei ihrer Arbeit und helfen Sie betroffenen Familien in Syrien